Kaum hat jemand ein Wochenendseminar zum Thema Ernährung besucht, korrigiert er schon ausgebildete Ärzte. Kaum wurden zwei YouTube-Tutorials zum Thema Heimwerken geschaut, wird der komplette Dachboden selbst ausgebaut. Dieses Muster aus übertriebener Selbsteinschätzung bei geringem Wissen trägt einen festen Namen in der Psychologie: den Dunning-Kruger-Effekt.
Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt, dass wenig kompetente Menschen ihr eigenes Können oft überschätzen. Eine große Neuanalyse aus dem Jahr 2026 stellt das nun infrage: Rechnet man statistische Verzerrungen heraus, sind es eher die kompetentesten Menschen, die sich am stärksten überschätzen.
Gemini 3.6Der blinde Fleck der Unwissenheit
Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger zeigten 1999 in ihrer inzwischen legendären Studie „Unskilled and Unaware of It“1 ein verblüffendes Muster: Ausgerechnet die Versuchspersonen mit den schwächsten Ergebnissen in Tests zu Grammatik, Logik und Humor schätzten ihre eigene Leistung am deutlichsten zu positiv ein. Der Grund liegt in einem doppelten Handicap: Fehlt dir das nötige Fachwissen, um eine Aufgabe gut zu lösen, fehlt dir meist auch genau das Wissen, das du bräuchtest, um deine eigenen Fehler überhaupt zu erkennen.
Wer wenig weiß, weiß deshalb auch nicht, wie viel er nicht weiß.
2026: Eine neue Analyse dreht den Effekt um
Genau an diesem Punkt setzt eine große Neuanalyse an, die die Psychologen Chris Dawson (University of Bath) und David de Meza (London School of Economics and Political Science) im Juli 2026 im Fachjournal Psychological Review veröffentlicht haben2. Die beiden werfen früheren Studien vor, mit statistisch fehleranfälligen Methoden gearbeitet zu haben: Testergebnisse schwanken durch Zufallsfaktoren wie Tagesform, Glück oder die genaue Fragenformulierung, und wer bei einem ersten Test extrem gut oder extrem schlecht abschneidet, landet bei einer Wiederholung meist näher am Durchschnitt – ein rein statistisches Phänomen namens „Regression zur Mitte“. Rechnet man diese Verzerrung heraus, verschwindet das klassische Muster fast vollständig.
Übrig bleibt ein überraschend anderes Bild: Es sind eher die kompetentesten Menschen, die ihre eigenen Fähigkeiten am stärksten überschätzen, nicht die am wenigsten kompetenten. „Stattdessen sehen wir, dass Selbstüberschätzung eine universelle menschliche Eigenschaft ist, aber es sind die Fähigsten unter uns, die sie am stärksten zeigen“, so die Forscher3. Als Erklärung bieten sie eine evolutionäre Perspektive an: Ein positiv verzerrtes Selbstbild könnte Menschen kompetenter wirken lassen und ihnen dadurch einen höheren Status in der Gruppe verschafft haben – unabhängig vom tatsächlichen Wissensstand.

Mit mehr Wissen kommt mehr Demut
Interessanterweise dreht sich das Muster mit steigender Kompetenz häufig um: Menschen mit echtem Expertenwissen unterschätzen ihre eigenen Fähigkeiten in Studien oft eher leicht4, weil sie – anders als blutige Anfänger – genau erkennen, wie komplex ein Thema tatsächlich ist und wie viele Fallstricke es gibt. Wichtig zu wissen ist allerdings auch: Die in Ratgebern populäre Grafik mit „Berg der Dummheit“, „Tal der Verzweiflung“ und „Plateau der Erleuchtung“ stammt nicht aus der Originalstudie, sondern ist eine spätere, vereinfachende Illustration. Manche Statistiker führen zudem einen Teil des gemessenen Effekts auf einen mathematischen Nebeneffekt zurück, den sogenannten „Regression-zur-Mitte“-Effekt bei Selbsteinschätzungs-Skalen5 – wie belastbar der klassische Kernbefund tatsächlich noch ist, wird allerdings gerade neu diskutiert, wie der nächste Abschnitt zeigt.

Mein Checker-Fazit für den nächsten Selbstcheck
Ob du eher zu den Anfängern oder zu den echten Profis zählst: Die neuere Forschung legt nahe, dass Selbstüberschätzung praktisch niemanden verschont – der zuverlässigste Schutz vor dem eigenen blinden Fleck bleibt deshalb simpel, aber wirksam: aktiv nach Gegenmeinungen und echtem Feedback von Menschen mit mehr Erfahrung suchen, statt sich auf das eigene Bauchgefühl zu verlassen. Wer sich fragt „Könnte ich hier etwas übersehen, das ein Experte sofort sehen würde?“, hat schon den ersten Schritt aus der Dunning-Kruger-Falle gemacht.
Spannend finde ich, dass es den Dunning-Kruger-Effekt eventuell gar nicht gibt. Es sich vielmehr um den Overconfidence Bias handelt.
Ob du eher zu den Anfängern oder zu den echten Profis zählst: Die neuere Forschung legt nahe, dass Selbstüberschätzung praktisch niemanden verschont.
- Die Originalstudie: David Dunning und Justin Kruger veröffentlichten 1999 in Journal of Personality and Social Psychology die Studie „Unskilled and unaware of it: How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments“. ↩︎
- Die neue Re-Analyse (2026): Chris Dawson (University of Bath) und David de Meza (London School of Economics and Political Science) zeigen in Psychological Review, dass der klassische Effekt bei korrigierter Statistik weitgehend verschwindet – kompetentere Menschen überschätzen sich demnach eher stärker als weniger kompetente. DOI: 10.1037/rev0000644, veröffentlicht am 29. Juli 2026. ↩︎
- Einordnung des Befundes: Ein allgemeinverständlicher Überblick über die Studie bei scinexx.de. ↩︎
- Kompetenz und Selbstunterschätzung: Folgeforschung zu Dunning und Kruger zeigt wiederholt, dass tatsächliche Expert:innen ihre eigene relative Leistung im Vergleich zu anderen tendenziell eher zu niedrig einschätzen. ↩︎
- Statistische Einordnung: Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski diskutierten 2020 in Intelligence methodische Aspekte des Effekts, darunter den Einfluss statistischer Regressionseffekte auf gemessene Selbsteinschätzungs-Diskrepanzen. ↩︎